Türlich, Türlich im symphonischen Ausnahmezustand

Avantgarde
Wer soll ausgezeichnet werden?:
Artemon Music GmbH

Zeitraum: 22.12.2025

Kurzprofil:

Am 22. Dezember 2025 trafen in der Kölner Philharmonie die Hamburger Hip-Hop-Ikonen Fünf Sterne deluxe auf die Bergischen Symphoniker. Produziert von Artemon Music und unter der musikalischen Leitung von Miki Kekenj entstand kein klassisches Konzert „mit Orchester“, sondern eine eigenständige musikalische Neuschöpfung: Rap, Beats und der anarchische Humor der Band wurden in eine sinfonische Sprache übersetzt und durch vier klassische Stimmen erweitert. Bekannte Stücke wurden konsequent auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. „Deine Mudder“ erschien als Swing, „Flash“ erhielt eine komponierte Fugen-Einleitung; Streicher, Schlagwerk, Bläser und klassischer Gesang übernahmen Funktionen, die im Hip-Hop gewöhnlich Samples, Bass und Beats erfüllen. Die Kölner Philharmonie wurde damit zum Raum für eine Begegnung auf Augenhöhe: Hip-Hop wurde nicht sinfonisch dekoriert und das Orchester nicht zur Begleitung reduziert. Beide Klangwelten veränderten einander. Artemon Music produzierte und realisierte das Projekt.

Begründung der Preiswürdigkeit:

Fünf Sterne deluxe und die Bergischen Symphoniker stehen für eine Liveproduktion, die weit über das Nebeneinander zweier Genres hinausgeht. Das Projekt nahm die musikalische DNA der Hamburger Hip-Hop-Gruppe ernst und übertrug sie mit kompositorischer Konsequenz in den Klangkörper eines Sinfonieorchesters. Dabei wurden weder die Ecken und Kanten der Band geglättet noch klassische Musik als repräsentative Kulisse benutzt. Genau darin liegt der avantgardistische Kern: Die Produktion stellte die vermeintliche Hierarchie zwischen Hoch- und Popkultur infrage. Eine Fuge durfte Teil eines Hip-Hop-Tracks sein, Opernstimmen trafen auf Rap, und ein großes Orchester übernahm nicht nur Melodien, sondern auch Rhythmus, Reibung, Humor und den spielerischen Größenwahn von Fünf Sterne deluxe. Die Kölner Philharmonie wurde für diesen Abend nicht bloß bespielt, sondern kulturell neu codiert. Das Projekt eröffnete beiden Seiten einen ungewohnten Erfahrungsraum. Das klassische Publikum begegnete einer der eigenwilligsten Formationen des deutschen Hip-Hop, während ein popkulturell geprägtes Publikum das Sinfonieorchester nicht als distanzierte Institution, sondern als unmittelbare, körperliche und überraschend humorvolle Kraft erleben konnte. Der größtmögliche Kontrast wurde nicht geglättet, sondern produktiv gemacht. Wie deutlich diese Wirkung auch von außen wahrgenommen wurde, brachte die „Kölnische Rundschau“ in ihrer Konzertkritik vom 23. Dezember 2025 auf den Punkt: „Hip-Hop auf Klassik, Beatbox auf Richard Strauss und Jugend auf gepflegtes Altern.“ Der Bericht beschreibt zunächst sichtbare Irritation im Publikum, später Jubel und minutenlangen Schlussapplaus. Gerade diese Entwicklung zeigt, dass der Abend nicht mit einer gefälligen Crossover-Formel arbeitete, sondern durch Reibung zu einer neuen gemeinsamen Hörerfahrung führte. Die besondere Leistung lag in der künstlerischen Übersetzung und ihrer produzentischen Umsetzung. Ein solches Programm verlangt nicht nur Arrangements, sondern ein tiefes Verständnis für die Haltung der Künstler, für orchestrale Möglichkeiten und für die Dramaturgie eines Konzertabends. Artemon Music brachte als Produzent Band, musikalische Leitung, Orchester, klassische Stimmen und Konzertbetrieb zusammen und machte die ungewöhnliche Idee in einem der bedeutendsten klassischen Konzertsäle Deutschlands realisierbar. Die Partner wurden nicht nach Genregrenzen, sondern nach ihrem gemeinsamen Potenzial für einen neuen Liveklang ausgewählt. Preiswürdig ist das Projekt, weil es Grenzen nicht lediglich überschritt, sondern sie für einen Abend musikalisch überzeugend aufhob. Es zeigte, wie Livekultur neue Publika erreichen kann, wenn Genres nicht vorsichtig vermischt, sondern mutig neu gedacht werden – künstlerisch eigenständig, respektlos im besten Sinne und zugleich musikalisch präzise. Der Abend steht für Artemons produzentische Handschrift: Künstler, Netzwerke und Institutionen werden zu einem Format verbunden, das keine Seite allein entwickeln könnte.
Foto: Thomas Brill
Foto: Thomas Brill