Saties Vexations – Die Kunst der Wiederholung

Meisterwerk
Wer soll ausgezeichnet werden?:
Konzerthaus Dortmund

Zeitraum: 20. September 2025

Kurzprofil:

Am 20. September 2025 stellte sich der junge Pianist Roman Borisov im Konzerthaus Dortmund einer außergewöhnlichen Herausforderung: Er spielte Erik Saties »Vexations« 840 Mal – ein kurzes Motiv, das dadurch zu einem rund 15-stündigen pianistischen Marathon wurde. Das Publikum konnte jederzeit kommen, bleiben, gehen und wiederkehren; rund 1.700 Menschen erlebten das Konzert im Saal, Tausende weitere verfolgten den Livestream. Die 840 Wiederholungen wurden von 840 aufleuchtenden Lichtern begleitet, die den Konzertsaal selbst zum Teil der Dramaturgie machten. Aus einem radikalen Werkexperiment wurde ein außergewöhnliches Live-Ereignis: Musik wurde nicht als punktuelle Aufführung, sondern als gemeinsam verbrachte Zeit erfahrbar. Die Wiederholung veränderte die Wahrnehmung, ließ aus Minuten Stunden werden und aus einem scheinbar kleinen Werk einen intensiven Erfahrungsraum entstehen. Roman Borisov machte die extreme Dauer zur künstlerischen Herausforderung und öffnete sie zugleich für ein Publikum, das selbst entschied, wie lange es Teil dieses Prozesses sein wollte. Das Konzert verband musikalische Grenzerfahrung mit gesellschaftlicher Wirkung. Anlässlich des Weltkindertags wurde es zum Benefizprojekt zugunsten von Save the Children. Kinder und Jugendliche aus der Region wurden während des Marathons selbst musikalisch einbezogen; zugleich wurde das Konzerthaus im Rahmen der DEW21-Museumsnacht zu einem offenen Ort für ein teilweise neues Publikum. Das Projekt steht exemplarisch für das Selbstverständnis des Konzerthauses Dortmund: künstlerische Exzellenz, Mut zum Experiment und die Bereitschaft, Konzertformate konsequent weiterzudenken. Es zeigt, wie aus einem extremen musikalischen Konzept ein einzigartiges Live-Erlebnis entstehen kann.

Begründung der Preiswürdigkeit:

Gerade in der Klassik ist das Konzert traditionell ein klar begrenztes Ereignis: ein Werk, ein Interpret, ein festgelegter Zeitraum, ein Publikum, das für die Dauer der Aufführung zuhört. Der 15-stündige Klaviermarathon mit Roman Borisov stellte dieses vertraute Modell radikal auf den Prüfstand. Darin liegt seine Preiswürdigkeit in der Kategorie »Meisterwerk«: Das Projekt setzte nicht auf Größe oder spektakuläre Effekte, sondern auf die kompromisslose Konsequenz einer künstlerischen Idee – und machte daraus ein Live-Ereignis, das die Möglichkeiten des klassischen Konzerts erweitert. Saties »Vexations« ist dafür das ideale Material: Ein kurzes Motiv, 840 Mal wiederholt, wird zur extremen Herausforderung für den Interpreten und zur offenen Zeitstruktur für das Publikum. Roman Borisov nahm diese Herausforderung mit außergewöhnlicher technischer und mentaler Disziplin an. Entscheidend war dabei nicht allein die Dauer. Erst im Live-Moment wurde erfahrbar, wie Wiederholung die Wahrnehmung verändert, wie sich Konzentration, Ermüdung, Erwartung und Stille verschieben und wie aus einem musikalischen Experiment ein gemeinsamer Erfahrungsraum entsteht. Ein Zuhörer blieb bis die letzte der 840 Wiederholungen verklungen war von 8:30 Uhr bis 23:17 Uhr im Saal. Rund 1.700 Menschen kamen über den Tag verteilt, viele für wenige Minuten, andere für Stunden. Gerade diese Freiheit machte aus dem Publikum einen aktiven Teil des Ereignisses. Auch die Konzeption des Konzerthauses ging weit über die Aufführung hinaus. Die 840 aufleuchtenden Lichter machten den Saal selbst zum dramaturgischen Bestandteil; der freie Zugang verwandelte das Konzert in einen offenen Begegnungsraum. Die Einbettung in die DEW21-Museumsnacht öffnete das Haus für ein teilweise neues Publikum. Der Livestream erweiterte die Reichweite, ohne die Besonderheit des gemeinsamen Erlebens im Saal aufzugeben. Zugleich erhielt das künstlerische Experiment eine gesellschaftliche Dimension: Am Weltkindertag wurde der Marathon zum Benefizprojekt für Save the Children. Kinder und Jugendliche aus der Region wurden teilweise selbst musikalisch einbezogen und Spenden wurden sowohl online als auch im Haus gesammelt. So verband das Projekt künstlerische Grenzerfahrung, Teilhabe und gesellschaftliches Engagement, ohne seine künstlerische Idee dem Zweck unterzuordnen. Die besondere Leistung des Konzerthaus Dortmund liegt darin, all diese Ebenen zu einem schlüssigen Live-Ereignis verbunden zu haben. Aus einem Werk, das auf dem Papier kaum mehr als ein Notenblatt umfasst, entstand ein Konzert von außergewöhnlicher Dauer, Intensität und öffentlicher Wirkung. Das Projekt zeigte damit exemplarisch, was Live-Musik vermag: Sie kann Zeit nicht nur messen, sondern erfahrbar machen; sie kann aus Wiederholung Spannung erzeugen und aus individueller Ausdauer ein gemeinsames Erlebnis schaffen. Der Klaviermarathon setzt deshalb einen Maßstab, der über dieses einzelne Konzert hinausweist. Er zeigt, dass Meisterschaft in der Klassik nicht nur in der perfekten Interpretation eines Werkes liegen muss, sondern auch darin, die Bedingungen seiner Aufführung neu zu denken. Das Konzerthaus Dortmund hat mit Roman Borisov aus einer radikalen musikalischen Idee ein außergewöhnliches, nur im Live-Moment vollständig erfahrbares Ereignis geschaffen.
Roman Borisov
Foto: Konzerthaus Dortmund
Foto: Deutsche Welle
Foto: Deutsche Welle
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